Der unaufhaltsame Aufstieg der AfD ist längst kein kurzer Ausschlag mehr in den Umfragen. Die Partei ist inzwischen fest im Parteiensystem verankert. Die Altparteien sehen immer älter aus. Die Gründe für den AfD-Boom sind vielfältig, wie eine aktuelle „Handelsblatt“-Analyse vertieft.
Während Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) inzwischen zerknirscht einräumen muss, dass die Eindämmung der unliebsamen Konkurrenz schwieriger ist als gedacht, tönte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer unlängst noch: „Die AfD wird noch in dieser Legislaturperiode zusammenfallen wie ein Soufflé.“ Kanzler Friedrich Merz (CDU) wollte die AfD vor sechs Jahren „halbieren“ – seither hat sie sich verdoppelt!
„Tatsächlich gewinnt die AfD an Zuspruch, weil viele Menschen den etablierten Parteien nicht mehr zutrauen, die Probleme des Landes zu lösen“, schreibt das Düsseldorfer „Handelsblatt“. Der Bochumer Politikwissenschaftler Oliver Lembcke spricht von einer „Protestdynamik“ gegen die Regierung insgesamt. Doch tatsächlich sind die Gründe für den durchschlagenden Erfolg der AfD vielfältiger, wie verschiedene Erhebungen von Meinungsforschungsinstituten zeigen. Das „Handelsblatt“ fasst zusammen: „Aus einer kleinen Protestpartei ist damit eine große politische Kraft geworden.“
Inzwischen kratzt die AfD in den ersten Umfragen bundesweit an der 30-Prozent-Marke. Mehrere Faktoren sind der Analyse zufolge ausschlaggebend:
► Unzufriedenheit mit Merz nützt der AfD
Nur noch 14 Prozent der Befragten sind laut Meinungsforschungsinstitut Forsa mit der Arbeit von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zufrieden. Immer mehr Traditionswähler der Unionsparteien CDU und CSU wandern zur AfD ab. „Merz gelingt es nicht, wie von ihm einst vollmundig angekündigt, die AfD-Anhängerschaft um die Hälfte zu reduzieren“, sagt Forsa-Chef Manfred Güllner und macht den CDU-Chef „wegen seines verfehlten Wahlkampfs und seiner bisherigen Arbeit als Kanzler in erster Linie für den aktuell großen Zulauf zur AfD verantwortlich“.
► Immer mehr Menschen trauen der AfD zu, die Probleme des Landes zu lösen
In der Frage der politischen Kompetenz („Mit den Problemen in Deutschland wird am besten fertig …?“) rangiert die AfD mittlerweile vor der Union. Laut Stefan Merz, Wahlforscher bei Infratest dimap, zeigt dies, dass die AfD nicht mehr nur aus Protest gewählt wird. „Ein erheblicher Teil der Wähler hat die AfD mittlerweile mehrmals gewählt und tut dies auch mit Überzeugung. Da verfestigen sich Parteibindungen, und da wächst auch das Zutrauen in eventuelle Lösungskompetenzen der Partei.“
► Der Osten wählt blau
Als die AfD vor 13 Jahren zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl kandidierte, wählten laut einer Forsa-Analyse in den westdeutschen wie ostdeutschen Bundesländern fast ebenso viele Wahlberechtigte (3,2 bzw. 3,9 Prozent) die neue Partei. Doch schon bei der folgenden Bundestagswahl 2017 wählten in den ostdeutschen Ländern doppelt so viele Wahlberechtigte (16,3 Prozent) die AfD wie im Westen (8,1 Prozent). Aktuell liegt die Zustimmung zur AfD im Osten teilweise bereits bei 40 Prozent (Sachsen, Sachsen-Anhalt).
► Die AfD als Partei der Arbeiter, aber auch der Frauen
Vor allem Arbeiter würden der AfD mehr wirtschaftspolitische Kompetenz zutrauen, räumt der linksgrüne Berliner Politikberater Johannes Hillje ein. Die AfD wird weiter zwar häufiger von Männern gewählt, aber auch der Frauenanteil steigt: Bei der Bundestagswahl 2025 wählten laut Infratest dimap 24 Prozent der Männer und bereits 17 Prozent der Frauen die AfD. Zum Vergleich: Bei der Wahl 2021 waren es zwölf Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen gewesen.
► Die SPD verliert Stammwähler an die AfD
Das „Handelsblatt“ schreibt: „Als es 1998 nach 16-jähriger Regierungszeit von Helmut Kohl (CDU) zu einem Machtwechsel kam, gaben 45 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder an, die SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder zu wählen. 2026 würden nur noch 13 Prozent dieser Wählergruppe den Sozialdemokraten ihre Stimme geben – ein Vertrauensschwund von über 70 Prozent. Großer Profiteur dieser Entwicklung ist die AfD.“
► Starker Zuspruch bei Jungwählern
Insbesondere bei Jungwählern kann die AfD bundesweit punkten. Der Grund liegt auf der Hand: Die AfD ist in den sozialen Medien deutlich präsenter als die Altparteien, und sie bietet Identität an. Vor allem in Sachsen-Anhalt, wo am 6. September gewählt wird, setzt die AfD gezielt auf eine verstärkte Präsenz auf digitalen Plattformen. Auf Tiktok folgen dem AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund inzwischen rund 650.000 Menschen, auf Instagram fast 400.000 – ein Vielfaches der Follower, die der blasse CDU-Kandidat, Noch- Ministerpräsident Sven Schulze, zu bieten hat. „Gerade bei jungen und politisch noch nicht festgelegten Wählern könnte diese digitale Präsenz im Wahlkampf entscheidend sein“, resümiert das „Handelsblatt“.