Warum wir Unwoked gegründet haben – Ein Gastbeitrag von Roger Beckamp

Wer in den vergangenen Jahren als Blogger, Podcaster oder YouTuber außerhalb des publizistischen Mainstreams gearbeitet hat, kennt das Muster ebenso wie die Millionen Zuschauer kritischer Kanäle: Videos fangen an gut zu laufen und werden rege geklickt, dann sinkt urplötzlich die Reichweite bis das Video über Nacht plötzlich nicht mehr aufgefunden werden kann: es wurde ganz gelöscht. Vielleicht kündigt dann auch noch PayPal das Konto, gerne mit Verweis auf irgendwelche Nutzungsrichtlinien, manchmal ohne jede Begründung. Eine Bank schließt das Geschäftskonto. Eine Werbepartnerschaft platzt, kurz nachdem ein Artikel über den betreffenden Kanal in einer großen Zeitung erschienen ist. Viele kritische Kanäle wurden mit ihren teils Hunderttausenden Abonnenten bereits ganz geschlossen und ihre Besitzer damit von den Plattformen verbannt.

Solche Erfahrungen sind in den letzten Jahren wiederholt öffentlich geworden. Ich erzähle das nicht, um zu klagen. Ich erzähle es, weil es die Ausgangslage beschreibt, in der wir die Unwoked GmbH gegründet haben.

Das eigentliche Problem ist betriebswirtschaftlicher Natur. Das Geschäftsmodell der meisten Creator hat eine Schwachstelle, die in guten Zeiten nicht auffällt und in schlechten alles entscheidet: Reichweite, Bezahlung und Auszahlung hängen an wenigen, zentralen Dienstleistern. Wer auf YouTube veröffentlicht, lebt von den Monetarisierungsregeln dieses einen Konzerns. Wer über Werbenetzwerke vermarktet wird, lebt von deren Geschäftsdefinitionen und Algorithmen. Wer Spenden über einen Zahlungsdienstleister einsammelt, lebt von dessen Geschäftspolitik. Jeder vernünftige Unternehmensberater würde einem mittelständischen Unternehmen abraten, mehr als 2/3 seines Umsatzes über einen einzigen Vertriebskanal abzuwickeln. Bei vielen Influencern ist das aber die Regel.

Diese Abhängigkeit stellt ein offensichtliches Problem dar – und was lässt sich dagegen tun?

Unsere Antwort ist eine E-Commerce-Plattform, über die Influencer eigene Markenprodukte und Merchandise direkt an ihr Publikum verkaufen können. Direktmonetarisierung im klassischen Sinne. Der Influencer verdient an dem, was sein Publikum bei ihm kauft, ohne dass ein Werbenetzwerk dazwischengeschaltet ist, das jederzeit den Hebel umlegen kann. Wir stellen die technische Infrastruktur, die Logistik und die Abwicklung. Ein einzelner YouTuber hat weder Zeit noch Kapital, sich das alles selbst aufzubauen. Im Verbund ist es machbar.

In der Startphase sind unter anderem Nikolai Binner, Naomi Seibt, Shlomo Finkelstein sowie die Kanäle Unblogd, Honigwabe und Pfulsk dabei. Zusammen erreichen die beteiligten Stimmen ein deutschsprachiges Publikum im siebenstelligen Bereich. Diese Reichweite in eigene wirtschaftliche Strukturen zu übersetzen, ist die Aufgabe der nächsten Jahre.

An dieser Stelle ein kurzer Blick auf einen Begriff, der mir bei der Konzeption wichtig war: die vielleicht für den ein oder anderen schon ermüdend oft verwendete kulturelle Hegemonie, die der ebenso häufig zitierte Antonio Gramsci in den 1930er Jahren in italienischer Haft entwickelte. Sein für mich spannender Gedanke war im Kern, dass gesellschaftliche Vormachtstellung nicht allein über Staat oder Kapital funktioniert, sondern wesentlich darüber, dass bestimmte Deutungen, Werte und Selbstverständlichkeiten zur Geltung kommen – zu dem, was als normal gilt, ohne dass man darüber noch streiten müsste. Gramsci war Marxist, und sein Begriff ist in unterschiedlichen politischen Lagern rezipiert worden – von der Neuen Linken ebenso wie später von konservativen Theoretikern. Was ihn so brauchbar macht, ist seine analytische Schärfe. Er erinnert daran, dass die Frage, wer etwas öffentlich sagen darf und wer als seriöse Stimme gilt, immer auch eine Frage von Infrastruktur ist. Von Verlagen, Universitäten, Medien, Stiftungen, Werbenetzwerken, Vertriebswegen, Banken – all das sind die Träger dessen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als sagbar gilt.

Wer den eigenen Diskursraum nicht nur kommentieren, sondern dauerhaft offenhalten will, braucht eigene Träger. Diskursfreiheit ohne ökonomisches Fundament ist fragil. Das ist die nüchterne Lehre.

Unwoked ist deshalb auch nicht als Insellösung gedacht, sondern als Anfang eines breiteren Aufbaus. Mehrere weitere Firmen und Geschäftsideen sind aktuell in Vorbereitung. Eine davon befasst sich mit der Impressumspflicht: Viele Blogger und kleine Publizisten stehen vor dem Problem, dass sie ihre Privatadresse veröffentlichen müssen, was in einem zunehmend aggressiven Klima mit realen Risiken verbunden ist. Wir arbeiten an einem Angebot für sichere Geschäftsadressen, das diese Lücke schließt. Ein zweites Projekt, an dem ich gerade sitze, ist ein Vermarktungskonzept für regional hergestellte Waren – ein bewusst globalisierungskritisches Vorhaben, das den Gedanken einer alternativen Wirtschaft mit handfester Industriepolitik verbindet. Und das ist erst der Anfang. Mittel- bis langfristig gibt es mannigfaltige Anknüpfungspunkte bis hin zur Gründung eigener Zahlungsdienstleister und Banken, weil dort, wo das Risiko am größten ist, auch die Lösung am dringendsten gebraucht wird.

Ich will und werde das alles nicht selber machen. Meine Rolle sehe ich eher darin, die richtigen Leute mit den richtigen Kenntnissen zueinander zu bringen, Ideen zu vernetzen, Gründungen anzuschieben. Was wir bereits erstaunlich reichlich haben, sind Talente. Was fehlt, ist die Verbindung zwischen denen, die etwas können, und denen, die etwas finanzieren, vertreiben oder skalieren können. Das ist weniger glamourös, als selbst auf der Bühne zu stehen, aber es ist die Arbeit, die jetzt getan werden muss, wenn unser Ziel die größtmögliche Autonomie von den Strukturen des Mainstreams ist.

Was mich in den Gesprächen der letzten Monate beeindruckt hat: Es gibt eine erstaunliche Bereitschaft zu kooperieren. Influencer, die sich vorher kaum kannten, tauschen plötzlich Erfahrungen über Logistikdienstleister aus. Kleinere Kanäle interessieren sich dafür, Teil eines breiteren Verbunds zu werden. Konsumenten fragen aktiv nach, wo sie Produkte bekommen, die mit unseren politischen Botschaften verbunden sind.

Wer mit eigenen Produkt- oder Vermarktungsideen Teil dieses Netzwerks werden möchte, ist herzlich eingeladen, mit uns Kontakt aufzunehmen. Was wir bauen, ist kein Protest. Es ist Infrastruktur. Und die hält länger als jede Empörungswelle.

Hier gehts zur Netzseite von unwoked.

 

 

Roger Beckamp ist Rechtsanwalt, ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages und Gründer der Unwoked GmbH mit Sitz in Windeck.

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