Der theatralische Auftritt von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am 6. Oktober nach der Wahl von Tobias Rausch zum ersten AfD-Landtagspräsidenten in Deutschland war womöglich eine politisch ambitionierte Inszenierung.
In der Hauptstadt wird jedenfalls spekuliert, dass Pistorius mehr im Sinn gehabt haben könnte als einen einmaligen Showeffekt, als er die SPD-Bundestagsfraktion bei ihrem bizarren Protestmarsch zum Berliner Bebelplatz anführte und dort mit offenem Hemdkragen auf einer Getränkekiste melodramatisch die Nationalhymne anstimmte. Damit traf er nach dem Eindruck von SPD-Insidern „die Seele der Partei“.
Politische Beobachter in der Hauptstadt sind sich weitgehend einig, dass Pistorius mit seinem offensichtlich kalkulierten Auftritt die Parteispitze um Lars Klingbeil und Bärbel kalt erwischt hat. Beide hatten an dem Protestzug nicht teilgenommen. Die Parteispitze wollte die Ereignisse in Magdeburg dem Vernehmen nach zunächst intern im Koalitionsausschuss thematisieren.
Pistorius habe sich bewusst von der Linie der Parteiführung absetzen wollen, heißt es in Berlin. Das heizt in den Mainstream-Medien Spekulationen darüber an, dass der Verteidigungsminister entgegen seinen bisherigen Absagen doch bereit sein könnte, nach dem Parteivorsitz zu greifen. Bas und mehr noch Klingbeil geraten an der SPD-Basis zunehmend unter Druck.