Im Gespräch mit Ulrich Oehme – Bundessprecher für die Katholischen und Orthodoxen Christen des Vereins „Christen in der AfD e.V.“


Ein Beitrag von Eugen Mannheimer

In den vergangenen Wochen prägte ein weißes Zelt das Bild an verschiedenen Infoständen in Sachsen-Anhalt: Die Gruppierung „Christen in der AfD“ (ChrAfD) suchte gezielt die Öffentlichkeit. Beobachten ließ sich dabei auch der Spitzenkandidat der AfD Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, der unter anderem direkt vor einer Kirche und im Zelt das Gespräch mit Passanten suchte.

Die Aktion wirft Fragen auf: Wie intensiv nutzt die Partei das Thema Glauben für die Mobilisierung? Um Antworten zu finden, haben wir mit Ulrich Oehme gesprochen. Er begleitete die Arbeit der „Christen in der AfD“ im Landtagswahlkampf maßgeblich und zeichnete für die Organisation vor Ort mitverantwortlich.

Für die AfD ist die heiße Phase damit jedoch nicht beendet. Der politische Wettbewerb verlagert sich nun auf die kommenden Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Im Interview erklärt Oehme, welche Rolle der direkte Dialog mit den Bürgern auf der Straße spielt, aus welchen Motiven heraus sich Christen in der AfD engagieren und wie er das oft Spannungsreiche Verhältnis zwischen Amtskirche, persönlichem Glauben und Parteipolitik bewertet.

„Nicht als Herrscher über die euch anvertrauten Menschen, sondern als Vorbilder für die Herde“ (1 Petr 5,3).

Diese Worte des Apostels Petrus klingen heute wie eine ernste Mahnung an kirchliche Verantwortungsträger.

Die Kirche hat jedes Recht, über die Würde des Menschen, Frieden, Gewissen und christliche Moral zu sprechen. Doch wo endet das pastorale Wort und wo beginnt politische Agitation?

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch hat diese Grenze überschritten. Unmittelbar vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt rief er Katholiken dazu auf, sich in politische Debatten „einzumischen“, und erklärte zugleich, die Kirche müsse bereit sein, Gemeindemitglieder – AfD-Wähler – zu verlieren.

Das ist nicht mehr nur eine theologische Bewertung politischer Entwicklungen. Das ist eine Wahlbeeinflussung, die einem geistlichen Würdenträger nicht zusteht.

Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Darf ein kirchlicher Amtsträger seine geistliche Autorität einsetzen, um die politische Entscheidung eines Gläubigen zu beeinflussen?

Der Apostel Petrus beschreibt eine andere Aufgabe des Hirten: Vorbild zu sein, nicht über die Herde zu herrschen.

Ein christlicher Name ohne christlichen Inhalt

Das Paradoxon des heutigen Deutschlands besteht darin, dass eine Partei, die das Wort „christlich“ in ihrem Namen trägt, selbst immer häufiger mit der Frage konfrontiert wird, wie christlich ihre Politik tatsächlich noch ist.

Bei der CDU ist das „christliche“ nur, als Name geblieben. Doch bei vielen Gläubigen entsteht der Eindruck, dass vom ursprünglichen Inhalt dieses Namens immer weniger übrig ist.

Was geschieht, wenn politische Interessen wichtiger werden als der Frieden? Wenn ideologische Auseinandersetzungen über Familie, Geschlecht und Erziehung die politische Debatte bestimmen? Wenn einem Menschen erklärt wird, seine politische Entscheidung widerspreche dem Christentum?

Dann entsteht zwangsläufig Raum für diejenigen, die eine andere Antwort anbieten.

„Christen in der AfD e.V.“: Gespräch statt Ausgrenzung

Genau deshalb lässt sich das Auftreten der „Christen in der AfD e.V.“ mit dem Bundessprecher für die Katholiken und Orthodoxen Ulrich Oehme nicht einfach als gewöhnliche Parteikampagne abtun.

Oehme setzt auf den direkten Kontakt mit Gemeindemitgliedern, Bürgern und Wählern.

Besonders deutlich wurde dies in Sachsen-Anhalt. Wenn aus Kirchen zum Protest gegen die AfD aufgerufen wird, beteiligen sich manche Christen nicht an der nächsten politischen Ausgrenzung von AfD-Wählern. Sie gehen hinaus – und kommen an den Pavillon der „Christen in der AfD e.V“.

Dort beginnt das Gespräch.

Ohne Kanzel. Ohne Fernsehstudio. Ohne politische Etiketten.

Hinter der Stimme für die AfD stehen konkrete Menschen – darunter Christen, Familien und Gemeindemitglieder mit eigenen Vorstellungen von Frieden, Familie, Sicherheit und der Zukunft ihres Landes.

Wie Oehme sagt: „Christen sind ein Teil der Gesellschaft“

Wähler lassen sich nicht dauerhaft täuschen

Sachsen-Anhalt zeigt auch: Wähler können Worte und Taten miteinander vergleichen.

Der langfristige Bedeutungsverlust der CDU bei gleichzeitigem Aufstieg der AfD ist nicht nur eine Frage von Prozentpunkten. Für einen Teil ehemaliger CDU-Wähler wurde die AfD zu einer politischen Alternative, die sie näher an ihren eigenen Vorstellungen von Christentum und Gerechtigkeit sehen.

Und damit stellt sich für den politischen Mainstream eine unangenehme Frage:

Warum soll ein Mensch, der jahrzehntelang als christlicher Wähler galt, plötzlich kein „richtiger Christ“ mehr sein, nur weil er anders wählt als es sich Erzbischof Koch vorstellt?

Der Fehler von Koch

Koch irrt nicht darin, dass er die AfD kritisieren darf. Natürlich darf er das.

Der Fehler beginnt dort, wo kirchliche Autorität zur politischen Mobilisierung gegen eine bestimmte Partei eingesetzt wird.

Wenn ein Geistlicher sagt:

„Diese Politik widerspricht dem christlichen Menschenbild – denkt darüber nach, vergleicht und entscheidet nach eurem Gewissen“,

dann ist das ein pastorales Wort.

Wenn Gläubige dagegen dazu aufgerufen werden, gegen eine politische Kraft aktiv zu werden, und der Verlust ihrer Wähler als akzeptabler Preis betrachtet wird, betritt die Kirche selbst das politische Feld.

Dann droht aus dem politischen Gegner ein Mensch zu werden, den man nicht mehr als Bürger mit einer anderen Meinung betrachtet, sondern als jemanden, den man korrigieren oder zurückdrängen muss.

Das ist keine Seelsorge mehr.

Wenn das Christentum zum politischen Etikett wird

Besonders problematisch wird es, wenn politische Positionen des Mainstreams beinahe als moralische Verpflichtung eines Christen dargestellt werden.

Abweichende Meinungen werden zum moralischen Makel, die politische Wahl zum Maßstab christlicher Gesinnung.

Doch das Christentum gehört nicht der CDU.

Nicht den Grünen.

Und auch nicht der AfD.

Das Christentum gehört Christus.

Ein Christ darf deshalb seiner eigenen Partei, der Kirche und dem politischen Mainstream unbequeme Fragen stellen. Er darf gegen Krieg sein, über Familie, Erziehung und das Menschenbild streiten und trotzdem Christ bleiben.

Hier liegt die besondere Bedeutung der Arbeit der „Christen in der AfD e.V.“: Sie bringen etwas in die politische Auseinandersetzung zurück, das immer seltener geworden ist – nicht das Schlagwort, sondern das persönliche Gespräch.

Sachsen-Anhalt hat gezeigt, dass ein solches Gespräch möglich ist. Und mehr noch: Es kann politische Entscheidungen verändern.

Die Brandmauer fällt im Gespräch

Ulrich Oehme beschreibt diesen direkten Kontakt als einen bewussten Schritt gegen die politische und gesellschaftliche Brandmauer, die seiner Ansicht nach von manchen politischen und kirchlichen Akteuren errichtet wird.

Wenn er am Stand der „Christen in der AfD“ mit Bürgern spricht, sagt Oehme, durchbricht er diese Brandmauer – gerade jene Brandmauer, die manche Prediger weiter verstärken, indem sie zu Gegendemonstrationen gegen die AfD aufrufen.

Für ihn ist das keine taktische Frage.

Es ist eine Frage des Gewissens.

„Wenn ich mit den Bürgern am Stand der Christen in der AfD spreche, durchbreche ich diese Brandmauer. Und ich bin überzeugt: Mein Herz und mein Gott sagen mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen politischer Mobilisierung und christlichem Gespräch.

Der eine versucht, eine Grenze zu errichten.

Der andere geht hinüber und spricht mit dem Menschen auf der anderen Seite.

Und vielleicht sollte die Kirche gerade in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft wieder lernen, was sie längst wissen müsste: man sollte Christen nicht ausgrenzen, sondern unseren Herrn Jesus Christus wieder in die Mitte stellen.

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