Fünf Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnt das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung erneut vor den Folgen einer AfD-Regierung: 14.000 zusätzliche Arbeitskräfte könnten fehlen, bis zu 3,2 Milliarden Euro Wertschöpfung verloren gehen. Doch der entscheidende „AfD-Effekt“ wurde in Sachsen-Anhalt nicht gemessen, sondern aus methodisch nicht wissenschaftlich belastbaren Annahmen konstruiert – darunter ein Sonneberg-Vergleich ohne Kontrollgruppe. Zugleich blendet das IWH Gegenkanäle aus: Eine stärkere Arbeitsmarktintegration bereits im Land lebender Ausländer könnte nach derselben Rechenlogik Milliarden an Wertschöpfung mobilisieren; zusätzlicher Zuzug deutscher Fachkräfte könnte den behaupteten Schaden weiter reduzieren.
Von Jurij Kofner
Wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt häufen sich wirtschaftswissenschaftliche Warnungen vor einer möglichen AfD-Regierung. Das DIW veröffentlichte eine Analyse über ein angebliches „AfD-Paradox“, das IW Köln hob den Wertschöpfungsbeitrag ausländischer Beschäftigter in Ostdeutschland hervor, und bereits Anfang August hatte das IWH die Finanzierbarkeit des AfD-Wahlprogramms untersucht.
Nun folgt die nächste Studie aus Halle – veröffentlicht am 1. September, gerade einmal fünf Tage vor der Wahl. Ihre Botschaft ist perfekt für die Schlagzeile: Eine AfD-Regierung könne ein „ausländerfeindliches Klima“ schaffen, dadurch ausländische Arbeitskräfte abschrecken und Sachsen-Anhalt über fünf Jahre bis zu 3,2 Milliarden Euro Wertschöpfung kosten.
Die politische Stoßrichtung dieser Veröffentlichungsserie liegt auf der Hand. Unmittelbar vor einer Wahl, bei der eine AfD-Regierung erstmals realistisch erscheint, erscheinen in kurzer Folge Analysen mit derselben Botschaft: Eine AfD-Regierung schade wirtschaftlich. Institute liefern damit Zahlen, aus denen abschreckende Wahlkampfschlagzeilen entstehen.
Ich habe mir deshalb auch diese Studie genauer angesehen. Das Ergebnis ist bemerkenswert.
Die Milliarden entstehen aus einer angenommenen Zahl
Sachsen-Anhalts demografisches Problem ist real. Das IWH errechnet bis 2031 rund 61.400 weniger deutsche Beschäftigte und schreibt zugleich den jüngsten Zuwachs ausländischer Beschäftigter fort: rund 29.400 bis 2031.
Dann folgt der entscheidende Schritt. Unter einer AfD-Regierung, nimmt das IWH an, falle dieser Zuwachs um 48,2 Prozent geringer aus. Statt 29.400 kämen nur etwa 15.200 hinzu. Aus gut 14.000 Differenz entsteht der Milliardenverlust.
Doch die 48,2 Prozent wurden in Sachsen-Anhalt nicht gemessen. Das IWH übernimmt 31,8 Prozent aus italienischen Gemeinden mit erstmaliger Lega-Nord-Machtübernahme und 64,7 Prozent aus Sonneberg nach der Wahl eines AfD-Landrats – und bildet schlicht die Mitte.
Besonders problematisch ist Sonneberg. Das IWH räumt selbst ein: Vorher-Nachher-Vergleich ohne Kontrollgruppe; zudem hängt das Ergebnis stark am außergewöhnlichen Ukraine-Zuzug 2022. Das ist keine belastbare Identifikation eines AfD-Effekts.
Wie wenig der Vergleich beweist, zeigt Baden-Württemberg: Dort sank der Wanderungssaldo ausländischer Staatsbürger 2022 bis 2024 von 205.724 auf 56.625 – um rund 72,5 Prozent – unter grüner Führung wohlgemerkt. Ein Einbruch nach dem Ukraine-Ausnahmejahr ist also noch kein AfD-Effekt.
Beschäftigung ist nicht Einwanderung
Die jährlich rund 5.900 Personen des IWH sind keine gemessenen Einwanderer, sondern der Zuwachs des Bestands ausländischer sozialversicherungspflichtig Beschäftigter. Das IWH schreibt selbst: „Bestandsgrößen, keine Zuzüge.“
Ein 2022 eingereister Ukrainer kann erst 2025 Arbeit finden. Dann wächst der Beschäftigtenbestand – ohne neue Einwanderung. Trotzdem werden Migrationseffekte auf diese Beschäftigungszahl übertragen.
Hier übersieht das IWH einen wichtigen Gegenkanal. Anfang 2026 lebten in Sachsen-Anhalt rund 35.200 Personen im Erwerbsalter aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern und rund 27.900 Ukrainer. Ihre Beschäftigungsquoten lagen bei 44,1 beziehungsweise 33,6 Prozent; bei allen Ausländern lag sie zuletzt bei 54,9 Prozent.
Erreichten beide Gruppen nur diesen Durchschnitt, ergäben sich rechnerisch knapp 9.800 zusätzliche Beschäftigte. Bei schrittweiser Mobilisierung über fünf Jahre entspräche dies nach den IWH-Bewertungsmaßstäben grob 1,1 bis 2,0 Milliarden Euro zusätzlicher Wertschöpfung – ohne zusätzliche Zuwanderung. Würde das volle Potenzial bereits zu Beginn gehoben und fünf Jahre gehalten, läge die Größenordnung sogar bei etwa 1,8 bis 3,3 Milliarden Euro.
Eine restriktivere, stärker auf Arbeitsaufnahme ausgerichtete Sozialpolitik, wie sie die AfD fordert, könnte einen Teil dieses Potenzials mobilisieren: Ein größerer Abstand zwischen Transferbezug und Arbeit sowie konsequentere Mitwirkungspflichten erhöhen die Erwerbsanreize. IAB-Forschung zeigt tatsächlich, dass eine höhere Sanktionswahrscheinlichkeit die Übergangsrate aus der Grundsicherung in Beschäftigung erhöhen kann.
Auch fehlen in der IWH-Studie andere Anpassungen des Arbeitsmarkts auf ein geringeres Arbeitskräfteangebot weitgehend: höhere Löhne und Erwerbsbeteiligung, längere Arbeitszeiten, Berufswechsel, Automatisierung und Digitalisierung. Für seine höchste Schadenszahl unterstellt das IWH sogar, dass mit einem fehlenden Arbeitnehmer auch der zugehörige Kapitaleinsatz vollständig verschwindet. Das erscheint äußerst unplausibel.
Und was ist mit deutschen Fachkräften?
Von 2020 bis 2024 gewann Sachsen-Anhalt über seine Landesgrenze netto 6.542 deutsche Staatsbürger im Alter von 20 bis unter 65 Jahren, durchschnittlich 1.308 jährlich. Überträgt man pauschal die deutsche Beschäftigungsquote von 66,6 Prozent, entspricht das rechnerisch rund 871 Beschäftigten pro Jahr.
Die AfD will diesen Zuzug ausdrücklich verstärken und ausgewanderte deutsche Fachkräfte zurückholen. Würde sie über den bereits bestehenden Trend hinaus nochmals ebenso viele Deutsche im Erwerbsalter gewinnen, entspräche das zusätzlichen 871 Beschäftigten jährlich und nach IWH-Maßstab rund 0,54 bis 0,99 Milliarden Euro zusätzlicher Wertschöpfung über fünf Jahre.
Bei jährlich rund 2.834 zusätzlichen deutschen Beschäftigten wäre der vom IWH errechnete Verlust vollständig ausgeglichen.
Am Ende sagt das IWH selbst: Die Rechnung sei „keine Prognose“, ihre größte Unsicherheit liege in der Übertragbarkeit der Werte auf Sachsen-Anhalt.
Von einem wissenschaftlich nachgewiesenen Preis einer AfD-Regierung kann deshalb keine Rede sein.
*Jurij Christopher Kofner, Jahrgang 1988, studierte Außenwirtschaft am Moskauer Staatsinstitut für Internationale Beziehungen (MGIMO) und promovierte in Economics an der Wirtschaftshochschule Moskau (HSE). Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Wien und ist seit 2020 Fachreferent für Wirtschaft, Energie und Digitales der AfD-Fraktion im Bayerischen Landtag.
