Nach Ansicht von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) melden sich deutsche Arbeitnehmer zu oft krank. Darüber ist eine heftige innenpolitische Debatte entbrannt. Denn: Im Schnitt fallen Beschäftigte hierzulande rund drei Wochen im Jahr wegen Krankheit aus. Die volkswirtschaftlichen Kosten dürften mehr als 200 Milliarden Euro betragen.
Während SPD, „Grüne“ und Linke Merz eine „Gängelung von Kranken“ vorwerfen, hält sich die AfD mit allzu scharfer Kritik zurück. Sind die Deutschen wirklich zu oft krank? Der Deutschland-Kurier klärt wichtige Fragen (Netzrecherche).
▶ Fakt ist: Seit Mitte der 2.000er Jahre ist der Krankenstand in Deutschland stetig gestiegen. Er verharrte zuletzt nach der 2022 eingeführten elektronischen Erfassung von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen auf unverändert hohem Niveau.
Wie steht Deutschland eigentlich im internationalen Vergleich da?
Nach Anzahl der amtlich gemeldeten, bezahlten Krankheitstage im Jahr 2022 lag Deutschland laut OECD mit 24,9 Tagen an der Spitze, gefolgt von Lettland mit 20,4 Tagen und Tschechien mit 19,2 Tagen. Im Mittelfeld sind Länder wie Belgien (15,5 Tage), die Niederlande (15,0 Tage) oder Frankreich (14,2 Tage) zu finden.
Im außereuropäischen Vergleich ergibt sich ein noch krasseres Bild:
▶ Japan & Südkorea: In beiden asiatischen Ländern melden sich 60-80 Prozent der Arbeitnehmer weniger als fünf Tage pro Jahr krank, oft auch gar nicht. In beiden Ländern herrscht ein hoher Leistungsdruck. In Japan gibt es sogar einen Begriff für Tod durch Überarbeitung („Karoshi“).
▶ In den USA nahm etwa ein Viertel der Beschäftigten 2022/2023 null Krankheitstage. Zwei bis drei Tage waren die häufigste Angabe bei denen, die sich krank meldeten. Dazu muss man wissen: In den USA gibt es keine bezahlten Krankheitstage. „Krankfeiern“ gilt zudem aus einer gesellschaftlichen Tradition heraus als verpönt.
Wie hoch ist der volkswirtschaftliche Schaden durch krankheitsbedingte Arbeitsausfälle?
Die volkswirtschaftlichen Effekte eines erhöhten Krankenstands lassen sich nur in engen methodischen Grenzen schätzen, die Studienlage deutet aber auf eine merkliche Dämpfung der Wirtschaftsleistung hin.
Im Jahr 2024 haben Arbeitgeber laut Berechnungen des Arbeitgeberverbandes rund 82 Milliarden Euro für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gezahlt. Hinzu kamen Produktionsausfälle und entgangene Wertschöpfung. Laut der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin verursachten Fehltage im Jahr 2024 Produktionsausfälle von insgesamt 134 Milliarden Euro. Demnach war im Jahr 2024 jeder Beschäftigte im Durchschnitt 20,8 Tage krank.
Was sind die häufigsten Gründe für Krankmeldungen?
Seit 2021 sind Fehltage signifikant wegen Atemwegserkrankungen angestiegen. Aber auch Krankschreibungen wegen psychischer Störungen nehmen seit zehn Jahren konstant zu. Sie verursachen im Einzelfall besonders lange Ausfallzeiten. Krankschreibungen wegen Erkrankungen im Muskel-Skelett-System bleiben trotz des demografischen Wandels und längerer Lebensarbeitszeit seit Jahren relativ stabil.
Spielt Corona eine Rolle?
Unklar! Einige Experten vermuten, dass seit der Corona-Hysterie verschiedene andere Krankheiten quasi „nachgeholt“ werden. Das heißt, dass Menschen jetzt vermehrt Krankheiten bekommen, die u.a. wegen der Maskenpflicht nicht richtig ausgebrochen waren. Unbestritten ist jedoch, dass es mit Corona weitere grippeähnliche Symptome gibt, die viele Arbeitnehmer zum Anlass nehmen, sich krank zu melden.
Was sagt die AfD?
Der Chef der Allianz-Versicherung, Oliver Bäte, hatte angesichts hoher Fehltage vor einem Jahr die Wiedereinführung eines Karenztages (Lohnkürzung im Krankheitsfall) vorgeschlagen. Der arbeits- und sozialpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, René Springer, kommentierte dies seinerzeit wie folgt:
„Versuche, Arbeitnehmer dafür zu bestrafen, dass sie krank sind, kann man nur als unmoralisch bezeichnen. Damit werden lediglich Symptome behandelt, nicht aber die Ursachen. Der Grund für hohe Fehltage in Deutschland liegt nicht in unserer bisherigen Regelung der Lohnfortzahlung. Länder wie Österreich oder Norwegen haben ähnliche Systeme, und dennoch sind die Fehltage dort deutlich niedriger. Was dort ebenfalls niedriger ausfällt, ist die Abgabenlast für Arbeitnehmer. In Deutschland liegt gesellschaftlich vieles im Argen. Dazu gehört nicht nur die hohe Abgabenlast für Arbeitnehmer, sondern auch die Belastungen der Krankenkassen durch Bürgergeldbezieher und Asylanten. Das Streichen der Lohnfortzahlung würde die ohnehin verunsicherten Arbeitnehmer nur noch stärker demoralisieren.“