Gastkommentar von Einar Koch: „Die Brandmauer ist tot – töter geht nicht!“

In einem Gastbeitrag für den Deutschland-Kurier rechnet Polit-Insider Einar Koch mit Kanzler Friedrich Merz (CDU) und seiner die Demokratie verachtenden „Brandmauer“ ab. Der frühere „Bild“-Politikchef erinnert an Abraham Lincoln: Man kann das ganze Volk eine gewisse Zeit für dumm verkaufen, aber man nicht das ganze Volk die ganze Zeit für dumm verkaufen!

VON EINAR KOCH*

Töter geht nicht

Wer in dieser Woche nach Sachsen-Anhalt blickt, kann den rauchenden Trümmerhaufen einer politischen Lebenslüge besichtigen. Die sogenannte „Brandmauer“ ist tot – töter geht nicht!

Die Bruchstücke kann Friedrich Merz als Grabstein mit in seine Gruft hinter dem Kanzleramt nehmen, in die ihn Angela Merkel einst politisch entsorgt hatte und aus der er wie ein Wiedergänger seiner selbst hervorgekrochen kam.

Diese unsägliche „Brandmauer“ war nie ein Schutzschild für die Demokratie, sondern ein zutiefst demokratieverachtendes Konstrukt. Erdacht und zementiert von einer CDU-Bonzen-Nomenklatura, die sich in ihrer scheindemokratischen Blase selbst eingeschlossen hatte.

Aus purer Angst vor dem Machtverlust glaubte man ernsthaft, Millionen Wähler ignorieren und von der demokratischen Teilhabe ausschließen zu können. Was für eine fatale, was für eine arrogante Fehleinschätzung!

Man kann vielleicht auf Merkels Friedhof hinter dem Kanzleramt, nicht aber in einer Demokratie inzwischen fast schon ein Drittel der wahlberechtigten Bürger zu Geistern erklären, deren Stimme nicht zählt.

Mein früherer „Bild“-Kollege Julian Reichelt hat es auf den Punkt gebracht, als er das Wesen dieser Ausgrenzung sezierte: Wer eine „Brandmauer“ gegen Millionen Wähler hochzieht, schützt nicht die Institutionen, sondern er spaltet das Land tief bis in die Familien hinein.

Diese gottverdammte „Mauer“ sollte die Realität aussperren. Die Absicht war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Genauso gut hätte man versuchen können, mit der Schwerkraft zu verhandeln.

Alles, was an Diffamierung und Rufmord ging, haben Merz, Günther, Söder, Wüst und wie sie alle heißen, aufgeboten, um im Zusammenwirken mit dem Verfassungsschutz (Regierungsschutz?) die unbequeme und ihnen gefährlich gewordene politische Konkurrenz zu verunglimpfen.

Im Rückblick auch auf die „Brandmauer“ gilt, was Abraham Lincoln, der 16. Präsident der Vereinigten Staaten, einmal gesagt hat und was mir Jahrzehnte auch als Boulevard-Journalist Maxime war: „You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you cannot fool all of the people all of the time.“

So ist es: Man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit für dumm verkaufen und das ganze Volk einen Teil der Zeit. Aber man kann nicht das gesamte Volk die ganze Zeit für dumm verkaufen!

*Einar Koch, Jahrgang 1951, war von 1992 bis 2003 Leiter der Parlamentsredaktion der „Bild“-Zeitung in Bonn und Berlin, Politik-Chef des Blattes und zuletzt Politischer Chefkorrespondent.

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