Das Vermögen eines Deutschen in der Mitte der Vermögensverteilung ist seit 2020 real fast um ein Fünftel geschrumpft. Gemeint ist das Medianvermögen: Ordnet man alle Erwachsenen nach ihrem Nettovermögen, besitzt die eine Hälfte mehr und die andere Hälfte weniger als diesen Wert. Genau dieses Vermögen des „mittleren“ Deutschen sank nach einer bislang nicht veröffentlichten UBS-Datentabelle zwischen 2020 und 2025 um 19,87 Prozent – von umgerechnet rund 56.800 auf 45.500 Euro. Deutschland landet damit auf Rang 30 und am Ende der von UBS veröffentlichten Top-30-Märkte.
Von Juri Christopher Kofner
Der UBS Global Wealth Report 2025 hatte für Deutschland zwischen 2020 und 2024 eigentlich noch ein reales Plus des Medianvermögens von 19 Prozent ausgewiesen. Erst eine gezielte Datenanfrage des IKW brachte die Werte hinter der neuen UBS-Modellgeneration ans Licht. UBS bestätigte gegenüber dem Institut, dass das Modell 2026 neu kalibriert und mehrere Parameter verändert wurden. Innerhalb dieser neuen, einheitlich berechneten Zeitreihe steht nun nicht mehr Vermögenszuwachs, sondern ein realer Verlust von knapp 20 Prozent.
Genau hier liegt der Mehrwert des IKW-Datenimpulses von Dr. Daniel Hoffmann, Forschungsreferent des Instituts: Er hat die bloße Grafik des UBS-Berichts in eine belastbare Zeitreihe übersetzt und damit sichtbar gemacht, wie drastisch der Vermögensverlust für einen Erwachsenen in der Mitte der deutschen Vermögensverteilung tatsächlich ausfällt. Rund 11.300 Euro reale Kaufkraft gingen rechnerisch binnen fünf Jahren verloren.
Im internationalen Vergleich ist das Ergebnis noch ernüchternder. Der mittlere Erwachsene in Deutschland kommt auf rund 45.500 Euro Nettovermögen. Österreich erreicht etwa 60.700 Euro, Frankreich 103.700 Euro, die Niederlande 108.400 Euro, Belgien sogar 235.900 Euro. Selbst Griechenland liegt mit rund 50.400 Euro vor Deutschland.
Ein zentraler Grund ist die Inflation. Der deutsche Verbraucherpreisindex stieg von 100 im Jahr 2020 auf 121,9 im Jahr 2025. Energie verteuerte sich gegenüber 2020 um 43 Prozent, Haushaltsenergie sogar um fast 47 Prozent. Nominal stagnierte das Vermögen des mittleren Deutschen damit ungefähr – real verlor es massiv an Kaufkraft.
Hinzu kommt ein strukturelles deutsches Problem: Nur rund 47 Prozent der Bevölkerung leben im Wohneigentum – der niedrigste Wert in der EU. Gleichzeitig stecken 37,6 Prozent des deutschen Geldvermögens in Bargeld und Einlagen. Gerade die weniger vermögende Hälfte hält ihr Finanzvermögen nach Bundesbank-Angaben fast ausschließlich in Einlagen und Versicherungsansprüchen und erzielte damit zuletzt negative reale Renditen.
Für das IKW ist deshalb auch die politische Mitverantwortung klar benennbar. Das Institut verweist auf Energiewende und strukturell hohe Energiekosten, die Abkehr von russischen Energieträgern sowie hohe Steuer-, Abgaben- und Regulierungsbelastungen. Der betrachtete Zeitraum umfasst die letzten Jahre der CDU/CSU-SPD-Regierung, anschließend die Koalition aus SPD, Grünen und FDP und seit Mai 2025 erneut eine Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD.
Auch auf europäischer Ebene kamen immer umfangreichere Klima-, Energie- und Transformationsvorgaben hinzu. Die EU-Kommission selbst räumt inzwischen hohe Energiekosten und komplexe Regulierung als Belastungen der europäischen Industrie ein und versucht, Teile der administrativen Last wieder zu reduzieren.
Die politische Bilanz der vergangenen Jahre lässt sich damit nicht allein an Wachstumsraten oder Beschäftigungszahlen messen. Entscheidend ist, was bei den Menschen real übrig bleibt. Die neue UBS-Zeitreihe und die Auswertung von Dr. Daniel Hoffmann zeigen: Das Vermögen des Deutschen in der Mitte der Vermögensverteilung ist deutlich stärker geschrumpft, als bisherige Veröffentlichungen vermuten ließen.
*Jurij Christopher Kofner, Jahrgang 1988, studierte Außenwirtschaft am Moskauer Staatsinstitut für Internationale Beziehungen (MGIMO) und promovierte in Economics an der Wirtschaftshochschule Moskau (HSE). Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Wien und ist seit 2020 Fachreferent für Wirtschaft, Energie und Digitales der AfD-Fraktion im Bayerischen Landtag.
