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Diekmann-Memoiren: Ich war der Anfang vom Ende der „BILD“-Zeitung

In dieser Woche erscheinen die mit viel Tamtam angekündigten Memoiren von Ex-„BILD“-Chef Kai Diekmann. Das Buch (550 Seiten) mit einer Startauflage von 70.000 Exemplaren trägt den selbstverliebten Titel: „Ich war BILD“. Viel Neues außer den üblichen Kohl-Hymnen und viel Selbstbeweihräucherung hat der frühere Welcome-Aktivist nicht mitzuteilen. Allein der Buchtitel ist eine Mogelpackung insoweit, als das Buch eigentlich hätte heißen müssen: „Ich war der Anfang vom Ende der ‚BILD‘-Zeitung“.  

Kaum hat sich der Medienhype um den angeblichen Springer-Enthüllungsroman des „Schriftstellers“ Benjamin von Stuckrad-Barre gelegt, erscheint mit Diekmanns Machwerk das nächste Opus mit Bezug zum krisengeschüttelten Verlagshaus Axel Springer. Diekmann stand von 2001 bis Anfang 2017 an der Spitze von „BILD“ und leitete den bis heute anhaltenden Auflagenschwund des vor seiner Einstellung (Print) stehenden Boulevard-Blattes ein – dies u.a. mit penetranten Kohl-Lobhudeleien, neoliberaler Propaganda und politischem Gefälligkeitsjournalismus.

Kein Wort zur Causa Döpfner

Wer erwartet hatte, dass sich der 58-Jährige zu den aktuellen Turbulenzen bei Axel Springer äußert, wird enttäuscht. Kein Wort zu den Chat-Pöbeleien von Vorstandschef Mathias Döpfner gegen Ostdeutsche. Auch um die aufgebauschte Affäre um den nach Machtmissbrauchs-Vorwürfen geschassten „BILD“-Chefredakteur Julian Reichelt (ein Ziehsohn Diekmanns) macht dessen Vor-Vorgänger einen weiten Bogen.

Der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sagte Diekmann: „Ich habe natürlich eine Meinung zu all dem, was da gerade passiert.“ Er erlaube sich aber „den Luxus, meine Meinung für mich zu behalten.“

Nickerchen von Berlusconi

Auf 550 Seiten erzählt der Autor Zeitgeschichte aus seiner subjektiven Sicht. Als Politikjournalist interviewte Diekmann die großen Mächtigen wie Donald Trump oder Wladimir Putin und war als Kohl-Günstling in der Tat oft dabei, wenn Geschichte geschrieben wurde.

Diekmann entblödet sich allerdings nicht, peinliche Petitessen zu „enthüllen“. So erfährt der Leser, dass der langjährige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der nun auch nicht mehr der Allerjüngste ist, während des Traueraktes für Altkanzler Helmut Kohl (CDU) gelegentlich eingeschlafen sein soll (was durchaus verständlich gewesen wäre). 

Diekmann erzählt auch von einer Gala in Istanbul, auf der in hektischer Windeseile Alkohol und Musik kurzzeitig verschwanden, weil völlig unerwartet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan auftauchte. 

Die Affäre Wulff

Dass Diekmann als „BILD“-Chef mächtig war und selber auch Politik machte, zeigt exemplarisch der Fall des Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff. Dieser hatte Diekmann im Dezember 2011 eine vertrauliche Sprachnachricht auf der Mailbox hinterlassen, um eine für das Staatsoberhaupt unangenehme Berichterstattung im Zusammenhang mit seiner Hausfinanzierung zu verhindern. Diekmann widmet gleich das erste Kapitel seines Buchs der Affäre um Wulff, der im Februar 2012 zurücktrat. Wirklich Neues erfährt der Leser indes nicht – auch nicht darüber, wie der Inhalt der Sprachnachricht seinerzeit zuerst an die „Süddeutsche Zeitung“ gelangte.

„Mein väterlicher Freund“

Prominent kommt in dem Buch natürlich der 2017 verstorbene Altkanzler Helmut Kohl (CDU) vor, den Diekmann als „väterlichen Freund“ bezeichnet und als quasi größten Staatsmann aller Zeiten gefeiert hatte. Das mag erklären, warum es so manche „BILD“-Schlagzeile nie gab – wie zum Beispiel diese:

Dass Diekmann zuweilen Nachrichten unterdrückte, wurde auch an der Flug-Affäre der früheren Bildungsministerin und Merkel-Vertrauten Annette Schavan (CDU) deutlich. Die war, wie der damalige „BILD“-Chefkorrespondent Einar Koch recherchiert hatte, 2011 mit der Flugbereitschaft für rund 150.000 Euro (inklusive Leerflüge) nach Rom zu Papst Benedict gejettet, obwohl sie bequem mehrere Linienflüge hätte nutzen können. Erst nachdem der „Spiegel“ den Skandal publik gemacht hatte und die Flug-Affäre Topnachricht u.a. in der „Tagesschau“ war, zog „Bild am Sonntag“ schließlich doch nach.

Wenn der Döpfner zweimal klingelt

Diekmann veröffentlicht in seinem Buch zahlreiche Nachrichten, die Springer-Chef Döpfner ihm im Zusammenhang mit der Wulff-Affäre geschickt haben soll. Der Ex-„BILD“-Chef sagte dazu im dpa-Interview: „Mathias Döpfner und ich waren in vielen Fragen diametral unterschiedlicher Meinung, wie Sie an jeder Menge SMS festmachen können, die im Buch nachzulesen sind. Ich hatte nie das Gefühl, Anweisungen von ihm zu bekommen. Die hätte er mir schon deshalb nicht geschickt, weil er wusste, dass sie nicht auf fruchtbaren Boden fallen würden.“

Das wollen wir einmal dahingestellt lassen. Ein leitender Ex-Redakteur bei „BILD“ jedenfalls erinnert sich: „Diekmann konnte schneller rennen, als das Telefon klingelte, wenn Döpfner in der Leitung war.“ (oys)

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